„Selbst schuld!“ – Wieso Frauen anziehen dürfen, was sie wollen und wie Männer dadurch Macht verlieren

Frauen Kleidung selbstbestimmt

In der Theorie können Frauen in unserer Gesellschaft frei und selbstbestimmt über ihre Kleidung entscheiden. In der Praxis sieht es aber so aus, dass viel Druck auf Frauen wegen ihrer Kleidung ausgeübt wird und es für sie Kraftaufwand bedeutet, sich dagegen durchzusetzen. Exemplarisch dafür steht der Satz: „Selbst schuld.“

“So gehst du nicht raus!“

Man sollte eigentlich denken, dass man als erwachsener Mensch anziehen darf, was man will. Zumindest, solange es gegen kein Gesetz verstößt, klar. Doch irgendwie darf man es wohl doch nicht, insbesondere, wenn man eine Frau ist.

Als Frau hat man gleich mehrere Hürden zu überwinden, wenn es um die Selbstbestimmtheit der eigenen Kleidung geht. Wie das Gewissen gegenüber den Eltern, die gesellschaftliche Moral, die Loyalität gegenüber dem Partner und auch Sorgen über die eigene, körperliche Sicherheit.

In einer idealen Welt kann man als Frau rausgehen, wie man möchte und alles ist gut. Ich würde mal behaupten, als Mann ist man dieser idealen Welt schon ziemlich nah. Wobei es natürlich auch hier Fälle gibt, in denen die Kleidung gegen die gesellschaftlichen Werte verstößt (wie z. B., dass Männer keine Frauenkleidung tragen „dürfen“), doch ich bin der Überzeugung, dass diese Probleme nur gewisse Gruppen von Männern treffen. Der große Teil der Männerwelt dürfte hingegen kein Problem mit seiner Kleidungswahl haben. Sätze wie „So gehst du nicht raus.“, „Du siehst billig aus.“ oder „Zieh dich nicht wie eine Schlampe an.“ hören Frauen sicherlich deutlich öfters als Männern.

Vom Erwartungsdruck, eine „richtige Frau“ zu sein

Wie hat man sich als „richtige Frau“ anzuziehen? Ich liebe ja diesen Ausdruck: richtige Frau. Was soll das überhaupt sein, eine „richtige Frau“? Wer legt bitte schön fest, wann man eine „richtige Frau“ ist? Tatsächlich tun das ziemlich viele.

Zum Beispiel die Eltern. Da spielen natürlich viele Dinge rein. Eigene Moral- und Wertevorstellungen. Der Wunsch, das Kind vor Gefahren zu schützen. Aber auch egoistische Dinge, wie die eigene Position in der Gesellschaft. Ist ja schon unangenehm, wenn die Nachbarin Gisela einen darauf anspricht, dass der Rock der Tochter gestern aber ganz schön kurz war. Leider haben längst nicht alle Eltern Bock auf solche Gespräche und das Rückgrat, zu antworten, dass die Tochter das schon für sich selbst entscheiden kann, was für sie zu kurz ist. Da ist es vielleicht doch einfacher, einfach zu verbieten, einen solchen Rock anzuziehen. Viele Beweggründe von Eltern finde ich nachvollziehbar. Aber das macht es nicht unbedingt besser. Verbote bei der Kleidung auszusprechen, ist wie bei einem Beispiel wie eben genannt halt gerne mal der einfachere Weg für Eltern. Und was Werte und Moral angeht, so muss man dem Kind eingestehen, eigene Werte und Moralvorstellungen entwickeln zu dürfen. Zumal sich die von Generation zu Generation oft unterscheiden. Ich finde es gut, wenn Eltern erklären, warum sie gewisse Dinge so sehen, aber das muss ein Dialog sein und keine Predigt mit Urteil. Am meisten Verständnis habe ich bei der Sorge um die Sicherheit, aber auch die ist nicht in allen Situationen gerechtfertigt. Eltern neigen hier schon mal zur Übertreibung.

Auch die Gesellschaft hat eine Vorstellung davon, was eine „richtige Frau“ ist. In Bezug auf die Kleidung bedeutet das, dass man nicht zu freizügig gekleidet sein sollte. Denn Freizügigkeit ist gleich mit mehreren negativen Auswirkungen verbunden. Wer sich freizügig und sexy kleidet, ist „leicht zu haben“. Moralisch unsittlich. Die Kompetenzvermutung ist automatisch niedriger. Die eigene Meinung ist weniger wert. Und man ist weniger schutzberechtigt. Teilweise geht das sogar bis zur Objektivierung. Ich wünschte, das wären alles Klischees. Aber jedes Mädchen, jede Frau, die sich schon mal freizügig gekleidet hat, wird solche Wahrnehmungen sehr wahrscheinlich bereits einmal erfahren haben.

Genauso hat der eigene Partner ein Bild davon, wie eine „richtige Frau“ ist. Und wie er meint, wie die eigene Partnerin und womöglich zukünftige Mutter der gemeinsamen Kinder zu sein hat. Und spannenderweise sind diese Vorstellungen manchmal völlig andere von zu „man datet sich“ und zu „man ist in einer Beziehung“. Während er den kurzen Rock beim Kennenlernen und dem ersten Fick-Date noch total geil fand, findet er plötzlich, dass sie sowas nicht mehr anziehen darf, wenn man erstmal zusammen gekommen ist. Weil sie dann ja „billig“ und wie eine „Hure“ rumläuft. Geht es noch? Natürlich ist eine Frau auch in einer Beziehung ein selbstbestimmtes Wesen und darf selbst entscheiden, wie sie sich kleiden möchte. So hat man die Person schließlich auch kennengelernt. Ich finde es lächerlich, wenn ein Mann meint, mit der Beziehung das Recht darüber erhalten zu haben, über ihr Aussehen zu bestimmen. Doch es gibt Frauen, die beugen sich dem Wunsch ihres Partners, um ihm gerecht zu werden.

Und dann gibt es noch das Thema „eigene Sicherheit“. Es ist leider so, dass du dir als Mädchen und Frau Gedanken machen musst, wo du hingehst und mit wem du unterwegs bist und was du da dann tragen kannst und was nicht. Ziehst du dich freizügig an, kommst du dir schnell wie Freiwild vor. Das ist leider nicht übertrieben. Du erhältst übergriffige Kommentare, du wirst schneller angefasst und leider wird die Kleidung einer Frau auch heute immer noch als Rechtfertigung für sexuelle Übergriffe gesehen. Wenn du als Frau weißt, dass du in der Nacht eventuell allein unterwegs bist und in Gegenden, in denen nicht viel los ist, dann musst du dir überlegen, ob du dich mit dem, was du anhast, sicher fühlen kannst.

“Selbst schuld“ – Die Täter-Opfer-Umkehr

Kennst du Sätze wie „Selber schuld, wenn sie sich so rumläuft.“? Oder „Dann soll sie sich halt nicht so anziehen.“? Oder „Da braucht sie sich nicht wundern, wenn sie so rausgeht.“ Schon mal gehört? Oder selbst gedacht? Geht ja auch schnell.

Doch hinter diesen Sätzen steckt immer die gleiche Botschaft: Wenn einer Frau etwas Blödes passiert, wie sexuelle Übergriffe, anmaßende Sprüche etc., dann hat sie wegen ihrer freizügigen Kleidung selbst dazu beigetragen. Ihre Kleidung ist quasi eine Aufforderung, sowas zu machen. Verrückt, oder? Kleidung zwingt Männer, etwas zu tun. Die können dann gar nicht mehr anders. Sehr spannend. Aber ja, das ist tatsächlich eine durchaus gesellschaftlich vertretende Meinung. In moralischer Hinsicht. Und die vertreten nicht nur die, die selbst Täter sind. Das sehen durchaus auch andere Frauen so. Was besonders krank ist.

Es handelt sich dabei um das Phänomen der Täter-Opfer-Umkehr. Der Täter, der z. B. ein sexuell übergriffiges Verhalten gezeigt hat, wie einer Frau an den Po zu fassen, nimmt die Opferrolle ein. Denn er konnte ja nicht anders handeln, weil der Rock so kurz war. Und das Opfer, die Frau, wird zur Täterin gemacht. Sie hat es mit ihrer Kleidung ja provoziert. Und es gibt wirklich Leute, die meinen, dass das so richtig rum erzählt ist. Ich übertrage diese Denkweise gerne mal auf ein anderes Beispiel: Wenn Bankräuber eine Bank ausrauben, dann sind die Räuber die Opfer, nicht die Täter. Was hat die Bank schließlich so viel Geld im Tresor? Ist so doch richtig rum erzählt, oder?

Immer wieder höre und lese ich die „Selbst schuld“-Rechtfertigung. Doch komischerweise steht nirgends im Gesetz, dass eine Frau z. B. bei einem Rock von einer Kürze ab xx Zentimeter für sexuelle Übergriffe gegen sie selbst verantwortlich ist. Das gibt es nicht. Es ist alleine schon pervers, zu meinen, die Kleidung eines Menschen rechtfertigt Übergriffigkeiten oder sogar Straftaten. Jeder ist für seine Taten selbst verantwortlich. Egal, wie viel Haut eine Frau zeigt oder wie viel Geld eine Bank im Tresor hat.

Was wohl wahr ist: Als Frau muss man sich überlegen, was man anzieht, weil es je nach Art der Kleidung die Wahrscheinlichkeit für sexuelle Übergriffe erhöht. Das ist aber reiner Selbstschutz und sollte in einer Gesellschaft mit den richtigen Werten und Moralvorstellungen nicht erforderlich sein.

Warum die Männer Macht verlieren, wenn eine Frau selbst über ihre Kleidung bestimmt

Kleidung ist eine Art, sich auszudrücken. Wie man sich fühlt und wie man als Mensch tickt. Und es sollte jedem Menschen erlaubt sein, sich mit Kleidung ausdrücken zu dürfen. Wie ich hier schon dargestellt habe, ist das für Frauen aber nicht so leicht und mit gesellschaftlichen Restriktionen verbunden.

Und ich mache mir keine falschen Hoffnungen darüber, dass sich das bald gravierend ändern wird. Und dass man bei sexuellen Übergriffen endlich aufhört, den Frauen wegen ihrer Kleidung dafür die Schuld zu geben. Der Grund dafür ist, dass das Patriarchat dafür einfach (noch) zu stark ist. Wir leben immer noch in einer Männer-dominierten Welt und da ist das Interesse an die Selbstbestimmtheit der Frauen nicht so stark ausgeprägt. Das zeigt sich auch bei der Selbstbestimmtheit der Kleidung. Denn ja, auch indem „man“ bzw. die Gesellschaft der Frau mit Moral und Werten vorschreibt, was sie tragen darf und was nicht, wird Kontrolle über Frauen ausgeübt. Und verliert das Patriarchat die Kontrolle über diese „Regeln“, verlieren die Männer ein Stück ihrer Macht über Frauen. Und das bringt mich leider zu der Überzeugung, dass es noch einige Zeit dauern wird, bis es nicht mehr heißt „Selbst schuld“, sondern nur noch „er (der Täter) ist schuld“. Zum Glück gibt es starke Frauen da draußen, die genau dafür weiter kämpfen.

Wie denkst du über die Kleidung von Frauen bzw. ihre Selbstbestimmtheit darüber? Kennst du diese typischen Sätze, mit denen Frauen wegen ihrer Kleidung konfrontiert werden und wie findest du das? Schreib mir hier gerne einen Kommentar dazu. 🙂

xoxoxo

Deine Lisa – your secret sexy girl next door

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